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Blut

Vielen Mädchen ist es kaum bewußt, welchen enorm hohen Symbolwert das Blut hat. Die sinnbildliche Bedeutung von Blut kann darüber Aufschluß geben, warum die Mädchen gerade auf die Idee kommen, zu ritzen.

Blut ist die elementarste Lebensflüssigkeit des menschlichen Körpers. Es ist sozusagen das Substrat der Lebendigkeit. Dies gilt in physiologischer sowie in symbolischer Hinsicht. Wenn unsere Haut verletzt wird, tritt das Blut fließend aus dem Körper hervor. Dies beschreibt wiederum eine Bewegung, die mit Leben und Existenz assoziiert wird. Da das Blut Körpertemperatur hat, wird es auf der Haut als angenehm empfunden. Auch Wärme versinnbildlicht Leben, im Gegensatz zu einem toten, kalten Körper.

Bei der Selbstverletzung scheint diese Bedeutung von Blut die wichtigste zu sein.

Vor dem Beginn der Selbstschädigung scheint den betroffenen Personen ihre Existenz nicht sicher zu sein. Sie spüren sich nicht mehr und fühlen sich nicht lebendig. Das Erscheinen des Bluts, seine Wärme sowie die beeindruckende Farbe vermitteln der Person während der Selbstverletzung das Gefühl, am Leben zu sein.

Das Blut wird aber nicht nur als angenehm empfunden, sondern ist auch mit Angst besetzt. Es verkörpert zwar Lebendigkeit, aber wenn man zu viel an Blut verliert, verliert man auch an Lebenskraft. Diese Angst haben die betroffenen Personen speziell in dem Moment, wenn sie feststellen, dass sie sich tiefer als beabsichtigt verletzt haben.

Wenn die Verletzungen unkontrollierbar werden, wirkt sich dies auf die Betroffenen bedrohlich aus und läßt sie an die Möglichkeit des Sterbens denken. Dadurch läßt sich sagen, dass Blut den Bogen zwischen Tod und Leben darstellt.

Es geht aber wohl weniger um die Angst, durch die selbst zugefügten Verletzungen zu Tode zu kommen, als um die angstbesetzte Vorstellung, nicht mehr zu existieren.

Das Blut ist auch ein Ausdruck der Tiefe, da Blut unseren Körper bis ins Innerste durchströmt. Blut stellt eine Verbindung zum Innersten unseres Körpers her. Das eigenen Blut zu sehe bzw. zu spüren bedeutet daher auch, dass man mit sich selbst in Kontakt und tiefer Verbindung steht. Diese intensive Verbindung wird oft deshalb hergestellt, um das Gefühl für sich Selbst wieder herzustellen.

Blut wirkt aber auch deshalb so faszinierend, weil es kalkulierbar und in begrenzter Weise auch kontrollierbar ist.

Das Aufschneiden der Haut und das Ausbluten der Wunde erinnert an den heute inzwischen relativ ungebräuchlichen Aderlaß (künstliche Eröffnung einer Vene zur Blutentnahme). Durch diese Methode soll das Krankhafte aus dem Körper ausfließen.

Die Funktion liegt folglich in der Reinigung des Körpers. Daher kann die Selbstverletzung als Versuch einer seelischen Reinigung verstanden werden. Die Verarbeitung schmerzender Gefühle und tragischer Lebenserfahrungen ist blockiert und kann durch das "Blutenlassen" die Grundlage für die Bewältigung dieser Erlebnisse sein.

Die Betroffenen erleben bei der Selbstverletzung Inneres als Äußeres. Bluten bedeutet für sie auch Offenmachen von Inneren. Symbolisch gesehen können die Betroffenen ihre inneren psychischen Verletzungen über das Blut nach außen hin demonstrieren und damit für andere sichtbar machen. Die Verletzung ermöglicht damit eine Sicht nach Innen.

Ein weiteres Symbol für das Blut ist Weiblichkeit. Das Bluten während der Menstruation sowie beim Gebären sind existentielle Körpererfahrungen für die Frauen, die auch eine Assoziation zur Sexualität erstellt. Damit entsteht eine Verbindung zwischen Blut und Leidenschaft, Intensität, Grenzenlosigkeit und Schmerzen. Viele Mädchen beginnen meist in der Pubertät sich selbst zu verletzen, in Verbindung mit der einsetzenden Menstruation. Im Gegensatz zum Blut bei der Selbstverletzung, dass weniger scham- und angstbesetzt ist, können viele Mädchen nicht mit ihrem Menstrualblut umgehen, dass sie gedanklich mit der Vorstellung von Unreinheit verbinden.

Für viele stellt das Blut bei der Selbstverletzung Tränen dar. Sie können über ihre bedrohlichen Gefühle nicht weinen, dadurch gibt ihnen das Blut den Ausdruck nicht geweinter Tränen.

Diese Analogie erfolgt einerseits über das Fließen, andererseits über die Tropfen, die Tränen sowie Blut bilden.

Die Bedeutungen des Blutes sind überwiegend kulturell geprägt. Die Symbolik ist in Mythologien und Religionen verankert. Speziell der Mythos des Opfers hat einen Bezug zur Selbstverletzung. Die Betroffenen sehen sich als Opfer ihrer Verhältnisse, obwohl sie während des Vorgangs der Selbstverletzung zum Täter werden. Es fällt ihnen jedoch schwer, den aktiv handelnden Teil zu erkennen und es liegt ihnen deshalb näher, in der Opferposition zu verharren. Selbstverletzung ist ein Verhalten mit hohem sozialen Bedeutungsgehalt. Sie erfolgt im Sinn einer Selbstbestrafung und gilt unbewußt dem Versuch, sich von Schuld zu befreien.

 

Haut

Unsere Haut ist das größte und sensitivste menschliche Körperorgan. Sie dient in erster Linie der schützenden Abgrenzung gegen die Umwelt, aber sie dient auch der Kommunikation und hat symbolische Bedeutung. Die Haut ist ein Grenz-, Kontakt-, Ausdrucks- sowie Eindrucksorgan.

Grenzorgan

Die Haut vermittelt auf psychischer Ebene die Abgrenzung zwischen Subjekt und Objekt. Diese Trennung ist bereits beim kindlichen Individuations- und Ablösungsprozeß von der Mutter von entscheidender Bedeutung. Sinneseindrücke der Haut aktivieren ein Ich-Identitätsgefühl. Berührungen werden zum Beispiel folglich als sensorische Erfahrungen des eigenen Ichs wahrgenommen und verarbeitet.

Beim Thema der Selbstverletzung ist die Grenze und Grenzverletzung immer wieder relevant. Es ist ein Versuch, sich selbst zu spüren bzw. Grenzen zu spüren. Dadurch erlangt die betroffene Person eine deutliche Ich-Wahrnehmung. Die Bestimmung der eigenen Grenzen während der Selbstverletzung dient zum Relativieren der Auflösungsphantasien.

Die Verletzung der eigenen Haut wird deshalb auch als Verletzung der eigenen Grenzen auf gewaltsame Weise angesehen. Wie bei ihren Gewalterlebnissen, bei denen ihre körperliche sowie psychische Grenzen nicht respektiert und damit verletzt wurden, versuchen sie ihre unerträgliche Qual so zu verarbeiten, indem sie ihre Grenzen wieder auf eine neue, andere und konkretere Form verletzen. Man spricht daher von einer Aktualisierung der früheren Erfahrungen, die als Neuinszenierung der Kindesmisshandlung beschrieben wird.

Kontaktorgan

Unsere Haut verkörpert eine Kontaktzone zur Umwelt und ist ein Kommunikationsorgan des Körpers. Haut- und Körperkontakt steht schon in der frühesten Mutter-Kind-Beziehung im Zentrum des Erlebens. Die Wichtigkeit liegt vor allem im Hautkontakt für Säuglinge und Kleinkinder.

Die Berührungen zweier Menschen stellt Verbindung dar. Diese Nähe kann als Gefühl von Wohlbehagen empfunden werden, aber auch als bedrängend, ängstigend und verletzend aufgefaßt werden.

Die Grundlage für unser Gefühl von Geborgenheit liegt im Vertrauen in andere Menschen. Kinder können schon in den ersten Lebensjahren durch ungenügende Erfahrung die Fähigkeit zu einem vertrauensvollen Bezug zur Welt entwickeln.

Die Haut dient als Ort zum existentiellen Austausch mit der Umwelt. Die Wahrnehmung verläuft dabei immer in zwei Richtungen: Berühren und berührt werden.

Die körperliche Berührung bildet die Grundlage für ein emotionales Berührt- oder Angerührtsein. Dadurch wird die Beziehung zwischen Haut und Gefühl klarer.

Bei der Verletzung der eigenen Haut, berührt sich die Person auf extreme Art. Durch diese mechanische Berührung drückt die Person ihr emotionales Berührtsein in Form von seelischer Bedrohung und Verletzung aus. Es wird dabei versucht, den psychischen Schmerz zu bewältigen. Die Haut wirkt dabei als konkretes Medium des Verarbeitungsversuchs.

Ausdrucks- und Eindrucksorgan

Haut hilft dabei, Affekte, Emotionen und Stimmungen auszudrücken. Physiologische Hautreaktionen auf emotionale Zustände sind zum Beispiel Schamröte, Erblassen oder Angstschweiß. Sie belegen auf eindrucksvolle Weise die enge Beziehung zwischen Haut und Psyche. Emotionen bewirken aber auch meßbar elektrische Potentialveränderungen der Haut.

Die Verletzung der Haut bringt ebenso Emotionen zum Ausdruck, die jedoch nicht physiologischer Natur sind. Die Haut wird dabei zum Spiegel der gequälten Seele, der Trauer, Wut und Aggressionen.

Für Außenstehende ist die Haut ein ästhetisches Kriterium und hinterläßt beim Betrachten einen sofortigen Eindruck. Von der Beschaffenheit der Haut wird auf Gesundheit und das Wohlbefinden der Person geschlossen. Eine vernarbte, verwundete Haut aber läßt auf Probleme, Gefühlsausbrüche und Unbehagen vermuten. Sie ist damit Vermittler der psychischen Verfassung.

Die Haut hat eine abschirmende, kommunikative und symbolische Funktion. Daher kann die Bedeutung der Selbstverletzung der Haut heraus gearbeitet werden. Es zeigt, dass die Haut direkt und indirekt in Beziehung zu den gewaltsamen Erfahrungen und der psychischen Befindlichkeit der betroffenen Person steht. Es handelt sich sozusagen um Erfahrungen, die "unter die Haut gehen".




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