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Süchtig nach Pillen -von Hans Weiss

(Ausschnitte)

Ich könnte zum Beispiel medikamentensüchtig sein, und niemand in meiner unmittelbaren Umgebung würde es merken. Medikamentensucht ist nicht riechbar, sie hinterlässt keine verräterischen Einstiche am Körper, und die Pupillen sind weder unnatürlich verengt noch vergrössert. Auch an meinem Verhalten ist wahrscheinlich nichts Auffälliges. Selbst durch körperliche Untersuchungen oder Labortests ist eine Medikamentensucht nicht ohne weiteres feststellbar.

Was ist das eigentlich - Medikamentensucht?

Der typische Medikamentensüchtige - oder besser gesagt: die typische Medikamentensüchtige, denn in der Mehrzahl handelt es sich um Frauen ** - ist unauffällig, ordentlich, angepasst. Vielleicht sogar überordentlich und überangepasst. Also kein menschliches Wrack. Nicht verwahrlost, nicht dahinvegetierend. Könnte es sein, dass wir hier nur über ein Scheinproblem reden, das von hyperkritischen Suchtexperten zum Problem erklärt wird? Ich denke nicht. Das Hinterhältige an der Medikamentensucht besteht darin, dass sie sehr lange nicht auffällt. Häufig erst dann, wenn im Zusammenhang mit Beruhigungsmittel- oder Schlafmittelsucht schwerwiegende Stürze und Unfälle aufgetreten sind.

Ich habe mir die Definitionen verschiedener kompetenter Stellen angesehen, etwa von der «Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren» oder der WHO. Ich muss gestehen, ich habe Probleme damit. Diese Definitionen sind so technisch und umständlich formuliert, dass man in der Praxis damit nur wenig anfangen kann. Salopp ausgedrückt würde ich sagen: Eine Person ist dann medikamentensüchtig, wenn sie den unwiderstehlichen Drang hat, ein bestimmtes Medikament zu nehmen. Dieser Drang kann sowohl psychischer als auch körperlicher Natur sein. Übrigens wird statt Sucht manchmal auch der Begriff Missbrauch verwendet. In der Fachliteratur sind diese Begriffe nicht austauschbar. Missbrauch gilt als eine Vorstufe der Sucht.

Wichtige, aber nicht alles entscheidende Faktoren

Häufig wird behauptet, ein typisches Merkmal von Medikamentensucht sei die zunehmende Dosissteigerung, weil sich bei Sucht bildenden Medikamenten der Körper an das Medikament gewöhne. Das trifft zweifellos für einige der Sucht bildenden Substanzen zu, beispielsweise für Schmerzmittel vom Typus der Opioide oder für Barbiturate. Aber es trifft nicht unbedingt zu für jene Wirkstoffgruppe, die am häufigsten zur Medikamentensucht führt: Für die Benzodiazepine, die als Schlaf- und Beruhigungsmittel verwendet werden. Solche Mittel können über Jahre hinweg eingenommen werden, ohne dass die Dosis gesteigert werden muss.

Auch das Auftreten von Entzugserscheinungen nach dem Absetzen von Medikamenten ist nicht unbedingt ein Indiz dafür, dass wir es mit einem Sucht bildenden Medikament zu tun haben. Es gibt Medikamente, die nicht unter Suchtverdacht stehen, und trotzdem nach dem Absetzen verstärkt jene Beschwerden verursachen, gegen die sie ursprünglich eingenommen wurden. Zum Beispiel das Hochdruckmittel Clonidin, das bei abruptem Absetzen schwere Hochdruckkrisen auslösen kann.

Das Problem der Medikamentensucht beginnt schon damit, dass häufig weder den Patientinnen noch den ÄrztInnen bewusst ist, dass eine Sucht vorliegt. Wenn ich der Fachliteratur glaube, dann ist Medikamentensucht am ehesten in Gesprächen feststellbar, welche die Patientin mit dem Arzt oder der Ärztin führt, mit FreundInnen, mit Bekannten.

Eine Voraussetzung dafür ist allerdings, dass man halbwegs darüber informiert ist, welche Wirkstoffe oder Präparate süchtig machen können, und dass die Süchtigen bereit sind, relativ offen über die tatsächlich verwendeten Medikamente zu reden.

Mothers little helpers

 Das grösste Problem bei der Medikamentensucht stellen nach wie vor die Benzodiazepine dar. Das ist eine Gruppe von Wirkstoffen, die hauptsächlich als Beruhigungs- und Schlafmittel verwendet werden. Berühmte Markennamen sind etwa Valium oder Librium, aber es gibt inzwischen Dutzende von Präparaten auf dem Markt.

Benzodiazepin-Wirkstoffe wurden im Jahr 1960 auf den Markt eingeführt, ich vermute in den USA. Dort wurden sie auch sehr schnell zum Renner und erhielten den Kosenamen «mothers little helpers», Mamas kleine Helfer. Die Werbung zielte ganz klar von Anfang an auf die Frauen. Die erste Veröffentlichung über einen Missbrauch gab es vier Jahre nach Markteinführung, also 1964. Wegen der ausserordentlich weiten Verbreitung in den USA und wegen der Suchtgefahr verfügte die amerikanische Arzneimittelbehörde in den 70er-Jahren Einschränkungen. Daraufhin ging der Verbrauch zurück.

In Deutschland hingegen wurde das Suchtpotential von Benzodiazepinen erst Anfang der 80er-Jahre ein öffentliches Thema. Ich möchte daran erinnern, dass noch vor wenigen Jahren Benzodiazepine zahlreichen Medikamenten beigemischt waren und bei den unterschiedlichsten Krankheiten verwendet wurden: Etwa bei Klimakteriumsbeschwerden, bei Angina pectoris oder bei Depressionen.

Im Zusammenhang mit der Erstausgabe des Buches «Bittere Pillen» im Jahr 1983 erinnere ich mich an die heftige Kritik von Ärzteseite, wegen unseren Warnungen über die Suchtbildung. Das sei alles übertrieben. Seither sind zu diesem Thema unzählige Veröffentlichungen erschienen - sowohl in Fachpublikationen als auch in der Laienpresse. Diese Warnungen und Appelle haben letztlich dazu geführt, dass der Verbrauch solcher Mittel deutlich gesunken ist.

Man kann davon ausgehen, dass derzeit etwa 800.000 bis etwa 1,2 Millionen Deutsche Benzodiazepin-süchtig sind. Auf alle Fälle liegt diese Zahl weit über der Zahl der harten Drogensüchtigen.

Weitere verschreibungspflichtige Medikamente
mit Suchtpotential

Ein weiteres bedeutsames Arzneimittel mit Missbrauchs- oder Suchtpotential ist Codein, das in zahlreichen Schmerz-, Migräne- und Hustenmitteln enthalten ist, in teilweise unsinnigen Mischungen. Codein wird wegen seiner euphorisierenden Wirkung missbraucht. Als Monosubstanz kann es auch zur Substitutionstherapie bei Drogensüchtigen verwendet werden.

Ein spezielles Problem in Deutschland und Österreich - ich weiss nicht, ob das auch auf die Schweiz zutrifft - stellen die opioidhaltigen Schmerzmittel dar (zum Beispiel Tramal, Valoron N und andere). Ich spare mir eine detaillierte Aufzählung, weil die Zahl der Verschreibungen im Vergleich zu den Benzodiazepinen nicht sehr hoch ist. Diese Mittel werden üblicherweise zur Behandlung starker Schmerzen bei Schwerkranken verwendet. Hier besteht nicht das Problem, dass sie zu häufig, sondern generell zu selten verwendet werden. Ursache dafür sind wahrscheinlich Ängste der Ärzteschaft vor der Suchtbildung als auch die strengen rechtlichen Vorschriften bei der Verschreibung. Bei diesen Sucht bildenden Medikamenten besteht also weniger das Problem des Missbrauchs, sondern das Problem der Unterversorgung.

Auch rezeptfreie Medikamente können
(oder sollen?) süchtig machen

Es gibt aber auch rezeptfreie Arzneimittel mit Missbrauchs- bzw. Suchtpotential: In Deutschland wird etwa jede dritte Arzneimittelpackung ohne Rezept abgegeben. Für unser Thema stellen rezeptfrei erhältliche Schmerzmittel-Kombinationen das grösste Problem dar. Solche Kombinationen enthalten in der Regel Koffein.

Das beliebteste, am häufigsten verwendete Arzneimittel in Deutschland ist Thomapyrin. 21 Millionen Packungen werden jedes Jahr geschluckt. Dieses Medikament ist auch in Österreich und in der Schweiz erhältlich. Fachleute vermuten, dass Thomapyrin seinen Spitzenplatz in Deutschland nur deshalb erreicht, weil es «gedopt» ist - mit einem anregend wirkenden Stoff, der zu Missbrauch verführt: eben mit Koffein. Wer nach längerem Gebrauch von Thomapyrin versucht, dieses Mittel abzusetzen, wird Entzugskopfschmerzen bekommen. Das verführt dazu,
das Mittel erneut zu schlucken. Die Folgen können gravierend sein: Weil Thomapyrin eine Kombination von zwei verschiedenen Schmerzmitteln enthält - Acetylsalicylsäure und Paracetamol -, besteht die Gefahr, dass nach jahrelangem Missbrauch auch die Nieren geschädigt werden. Letzten Endes kann das sogar zum Verlust der Niere führen und damit enden, dass man eine Dialyse braucht.

Es gibt in Deutschland nicht nur Thomapyrin, sondern eine Reihe von weiteren Koffein-haltigen Schmerzmitteln. Insgesamt werden davon jährlich etwa
40 Millionen Packungen verbraucht.

Die Folge: Fachleute schätzen, dass 10 - 15 Prozent aller Dialyse-Fälle auf das Konto des langjährigen Missbrauchs solcher und anderer Schmerzmittelkombinationen gehen. In absoluten Zahlen ausgedrückt: Etwa 4.500 bis 6.500 Fälle.




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